Die Nordsee
Dabei ist der Ausdruck „Sturmfluten“ eigentlich nicht ganz korrekt, teilt man diese doch nach der Höhe über dem Mittleren Tidehochwasser (MThw) in drei Kategorien ein: In Windfluten (1,50 bis 2 Meter über MThw), Sturmfluten (2,01 bis 2,80 Meter über MThw) und Orkanfluten (mehr als 2,81 Meter über MThw). Um exakte Zahlenangaben für eine solche Einteilung zu erhalten, ist eine möglichst lange regionale Häufigkeitsstatistik nötig. Da die Höhe des mittleren Tidehochwassers über Normalnull (NN) bekannt ist, lässt sich daraus für jeden Pegelort die Höhe der verschiedenen Sturmfluten angeben. Es ist verständlich, dass die Angaben der Sturmfluten um so unpräziser sind, je weiter sie zurückliegen. So wurden vor dem Ende des 18. Jahrhunderts keine genauen Wasserstandaufzeichnungen gemacht, so dass sich meist nur deren Höhe über den Vergleichsstab Normalnull angeben lässt. Genaue Pegelmessungen liegen an vielen Orten erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vor. Aus diesen Messungen lässt sich ein Anstieg des Mittleren Tidehochwassers von durchschnittlich 25 cm im Jahrhundert ablesen. Wie Scheitelwasserstandsmarken an vielen Orten erkennen lassen, hat dieser Anstieg wahrscheinlich schon Mitte des 16. Jahrhunderts stattgefunden. Ein Vergleich dieser alten Flutangaben mit neueren Pegelaufzeichnungen zeigt, dass die Steigerung der Sturmfluthöhen etwa 20 bis 30 cm im Jahrhundert beträgt.
„Nordsee, Mordsee“ – Jahrhunderthochwässer
Danach begann die Flut am 15. Januar 1362,
erreichte ihren Höhepunkt am 16. und endete einen Tag später. Der Chronist
Heimreich (1626 bis 1685) berichtet, dass die stürmische Westsee 4 Ellen
(etwa 2,4 m) über die höchsten Deiche gegangen sei, dass die Flut 21 Deichbrüche
verursachte, der Ort Rungholt zusammen mit sieben anderen Kirchspielen
in der Edomsharde unterging und 7600 Menschen umkamen. Die Chronisten
sprechen insgesamt von 100.000 Toten, eine Zahl, die sicherlich übertrieben
ist. In einigen Küstenabschnitten Nordfrieslands drang die Flut teilweise
bis zum Geestrand vor. Große Buchten entstanden und Wattströme erweiterten
sich zu breiten Meeresarmen. Der heutige Verlauf der deutschen Nordseeküste
ist weitgehend durch diese Sturmflut vorgezeichnet worden. Als Folge
der Sturmflut wurden viele der Warften und Deiche erhöht. Eine der ersten
Sturmfluten, deren Wasserstandshöhe man festhielt, war die zweite Allerheiligenflut
vom 2. November 1532, die an der Kirche von Klixbüll in Nordfriesland
bis zu einer Höhe von 4,16 Metern über NN auflief.
Neben ihr hatten im Dithmarscher
Küstengebiet die große Schadensflut von 1615, die Fastnachtsflut von 1625
und vor allem die zweite große Mandränke vom 11.Oktober 1634, in
der große Teile der Marschen überflutet wurden, zerstörerische Auswirkungen.
Die Flut riss die etwa 22.000 ha große Marscheninsel Alt-Nordstrand auseinander.
Nur die Restinseln und Nordstrand, das hoch gelegene „Wüste Moor“ der
alten Insel (heute die Hallig Nordstrandischmoor) und einige kleine Halligen
blieben erhalten. In Dithmarschen kam es zur Überschwemmung der gesamten
Marsch, weil „die Deiche aufs kläglichste zugerichtet und an vielen Stellen
ganz weggeworfen wurden“ und „das Land so verdorben“ war, „dass es in
vielen Jahren nicht wieder in den vorigen Stand kommen möge“, wie der
Chronist Anton Heimreich vermerkte. Als schlimmste Katastrophenflut
des 18. Jahrhunderts wirkte sich die Weihnachtsflut vom 24. Dezember 1717
aus, die in Büsum einen Höchstwasserstand von 4,60 Metern über NN
erreichte und vor allem die Dithmarscher Marschen bis zu einer Höhe von
2,10 Metern überschwemmte. Bis in den Januar 1718 glich die
ganze Marsch einer offenen See.
Als Jahrhundertflut wird auch die Flut vom 3./4.Februar 1825
bezeichnet, welche in Tönning 3,96 Meter über MThw auflief. Weil
jedoch die Deichbautechnik inzwischen wesentlich verbessert worden war,
hielten sich die Schäden in Grenzen. Zu den besonders schweren Sturmfluten
des 20. Jahrhunderts gehören die Hollandflut von 1953, die Hamburg-Sturmflut
vom 16./17. Februar 1962 und die Jahrhundertflut vom 3. Januar 1976.
Sie wurde durch einen Orkan ausgelöst, der etwa fünf Stunden andauerte
und seinen Höhepunkt rund zwei Stunden vor Eintritt des Hochwasserscheitels
erreichte. Da an diesem Tag Neumond und somit durch dessen Anziehungskraft
auch noch Stringtide war, stauten sich die Wassermassen längs der Deiche,
so dass die Fluten bis zu einer nie da gewesenen Höhe von 6,45 Metern
über NN in Hamburg oder 5,16 Metern über NN in Büsum aufliefen.
Heute bieten die 8,50 Meter hohen Deiche
einen sicheren Schutz und eine Gewähr für einen erholsamen Urlaub, ob
nun mit oder ohne Sturm. Ob und wann man dann nachbessern muss, wird man
sicherlich in einigen Jahrzehnten sehen. Quellen: Peter Wieland „Küstenfibel“, Dr. Dirk Meier
und Sönke Grimm „2000 Jahre Landschaftswandel und Besiedlung der Westküste“
sowie Ellert & Richter Reiseführer Dithmarschen von Dr. Dirk Meier
und Frank Thamm
|
|||||||||||||